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"Dieses ganze Leben" von Raffaella Romagnolo

 

„Paola passt nicht in diese Welt, findet sie. Wo Glanz und Erfolg das Maß vorgeben, hält sie sich lieber an ihren Bruder, der im Rollstuhl sitzt, gerne Schach spielt und auf Likes pfeift.“ So heißt es im Klappentext von Raffaella Romagnolos „Dieses ganze Leben“, das ich im Rahmen einer Leserunde zugeschickt bekam. Auch wenn ich für mich selbst keine wirklich neuen Erkenntnisse aus der Lektüre ziehen konnte, brachte mich das Buch an mehreren Stellen zum Schmunzeln und bot gute Unterhaltung für zwischendurch.

 

Willkommen in der Wirklichkeit …

 

Reiches Elternhaus mit Villa und Pool, eine äußerlich perfekte, durchtrainierte Mutter und der Vater Vorstandsvorsitzender der Baufirma Costa Costruzioni. Dazwischen die übergewichtige sechzehnjährige Paola, die sich selbst als hässlich bezeichnet, und ihr Bruder Richi, der im Rollstuhl sitzt. Beide passen nicht in die auf Glanz polierte elterliche Fassade und versuchen, der erfolgsfokussierten Welt zu Hause zu entfliehen und bei ihren täglichen von der Mutter auferlegten Spaziergängen das wahre Leben zu erfahren. So lernen sie Antonio und dessen Bruder Filippo kennen, die in der von der Mutter so sehr verhassten „Margeritensiedlung“ aus Sozialbauten aufwachsen, die die Costa Costruzioni errichtet hat. Nach und nach beginnt die Fassade zu bröckeln – Paola, in deren Familie bislang das Schweigen großgeschrieben wurde, wird mit Wahrheiten konfrontiert, die einerseits tragisch sind und ihr andererseits die Chance geben, sich und ihr Leben grundlegend zu ändern.

 

„Dieses ganze Leben“ wird aus der Ich-Perspektive der jugendlichen Protagonistin Paola erzählt – in einem lockeren Plauderton und mit zahlreichen Abschweifungen und Anspielungen auf fiktive Figuren und Geschichten wie z. B. „Harry Potter“ oder „Der Herr der Ringe“. Interessant ist die immer wieder gewählte direkte Ansprache an den Leser, der zur „imaginären Freundin Carmen“ erklärt wird.

Unterhaltsam wird der Erzählstil unter anderem durch die Selbstironie der Protagonistin – etwa, wenn Paola die von der Mutter aufgezwungenen Besuche bei einer Kosmetikerin beschreibt und dass ihr „Gesicht einer gekochten roten Rübe ähnelt“ (S. 23). Oder: „In Tragödien sind wir einfach super.“ (S. 205) Und auch der immer wieder durchblitzende Humor („Der doppelte Cheeseburger ist der Antichrist!“, S. 67) wirkt erfrischend.

 

Sein und Schein

Schon relativ zu Beginn thematisiert die Ich-Erzählerin von einem sie diffamierenden Video, das Schulkameraden heimlich von ihr gedreht und auf Facebook veröffentlicht haben. Während Paolas Mutter und Großmutter ein für die Außenwelt gut taugliches „Facebook-Leben“ führen, passt sie nicht dorthin.

Interessanterweise gelingt es Raffaella Romagnolo durch die Leichtigkeit des Erzähltons gerade am Anfang den Leser glauben zu machen, dass auch Paolas Leben wie das einer x-beliebigen anderen Jugendlichen einfach so dahinplätschert, bis man plötzlich aufhorcht, da ungehörige Dinge geschehen, die normale Alltagsprobleme einer Sechzehnjährigen deutlich übersteigen. Der erste Schein, der Roman drehe sich um das richtige Gewicht oder die Macht der Likes trügt also.

 

Auf Wahrheitssuche

Vielmehr geht es Paola um die Wahrheit, wie sie bereits im ersten Satz des Romans verlauten lässt: „Ich bin hässlich. Das ist die Wahrheit, die schlichte, unzweifelhafte Wahrheit.“ (S. 11) In sich natürlich ein Widerspruch, da Schönheit bekannterweise im Auge des Betrachters liegt. Dennoch geht es Paola zunehmend darum, den Dingen auf den Grund zu gehen – anders als ihre Mutter, die lange Zeit die Augen verschließt und sich stattdessen mit dem Beruhigungsmittel Bromazepam betäubt und sich in eine Welt aus Shopping, Fitnessstudio und der Arbeit am perfekten Körper flüchtet.

 

Fazit

In „Dieses ganze Leben“ geht es um Arm und Reich, Sein und Schein und eine junge Protagonistin, die anders ist als die meisten Altersgenossen und doch irgendwie dazugehören will. Gerade die Diskrepanz zwischen lockerem Erzählgestus und handfesten Missständen macht die Lektüre interessant. Dennoch vermittelt der Coming-of-Age-Roman keine wirklich neuen Erkenntnisse und wirkt durch zahlreiche Happy Ends abschließend ein wenig konstruiert. Abgesehen davon aber eine unterhaltsame Lektüre.

 

Vielen Dank an den Diogenes Verlag sowie Lovelybooks für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

 

Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. | Diogenes Verlag | 28. Oktober 2020 | 272 S. | Hardcover | ISBN: 978-3-257-07144-3

 

 

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